Der Alltag im Gefängnis geht weit über unsere Erfahrungen in Quarantäne hinaus. Umso härter treffen die Corona Schutzmassnahmen die Insassen im Gefängnis. Sie schüren Angst. Trotzdem gibt es Hoffnung bei den Insassen.
«Die grösste Angst der Insassen ist, dass sie bei einer Verschlechterung der momentanen Situation ihre Angehörigen an Weihnachten nicht sehen dürfen», sagt Martin Vinzens, der Direktor der Strafanstalt Saxerriet mit 135 Plätzen in Sennwald im Rheintal. Erneut müssen wegen der Corona Pandemie Schutzmassnahmen getroffen werden. Über diese zusätzlichen Einschränkungen im Alltag beklagen sich die Insassen aber kaum. «Sie sind eher getragen von der Hoffnung, dass es besser wird», erklärt Martin Vinzens. Diese Hoffnung ist für die Insassen der Antrieb, die Schutzmassnahmen diszipliniert einzuhalten. Insasse P. ist seit vier Jahren im Saxerriet. Das Kontaktverbot zu den Angehörigen hat ihn während des Lockdowns hart getroffen. Er ergänzt jedoch, es sei eine einschneidende Erfahrung gewesen, seine Angehörigen aufgrund des Lockdowns eingesperrt gewusst zu haben. Zeitgleich habe er aber diesen Gedanken auch sehr tröstend empfunden.
Einschneidende Folgen im Gefängnisalltag
Dem Gefängnisdirektor war von Anfang an klar, dass die Einschränkungen die Insassen stark treffen würden. Der straff geregelte Alltag musste wegen der Schutzmassnahmen umstrukturiert werden. Martin Vinzens beschreibt es so: «Die Insassen essen seit Beginn der Corona Pandemie in zwei verschiedenen Gruppen ihre Mahlzeiten, ebenso die Mitarbeiter.» Die Freizeitgestaltung hat sich auch verändert. Sport mit Körperkontakt ist nicht mehr möglich. Um etwas Normalität im Gefängnisalltag zu erhalten, dürfen sich die Insassen untereinander in der Zelle besuchen. Aber nur noch zwei Insassen sind pro Zelle erlaubt. Natürlich müssen dabei die Abstandsregeln eingehalten werden. Grössere Gruppen dürfen sich nicht mehr versammeln. Auf dem ganzen Areal des Saxerriets gilt für Insassen wie Angestellte eine generelle Maskenplicht.
Besuch im Gefängnis wichtig
«Besuche durch die Angehörigen sind in der Strafanstalt sehr wichtig für die Insassen», erklärt Martin Vinzens. Er denkt dabei an inhaftierte Väter. Dem Gefängnisdirektor ist wichtig, dass die Beziehung der Insassen zu den Ehefrauen und den Kindern nicht gekappt, sondern erst recht stabilisiert und gestärkt wird. Besuche sind zurzeit mit den entsprechenden Massnahmen noch möglich. In der geschlossenen Abteilung darf deshalb hinter einer Trennscheibenwand Besuch empfangen werden. Im offenen Vollzug gibt es eine kleinere Plexiglasscheibe. Körperkontakt ist wegen Corona in jeglicher Form verboten.
Ein offenes Ohr für die Insassen
«Alarmzeichen wollen wir möglichst frühzeitig erkennen. Wenn es einem Insassen psychisch tatsächlich nicht gut geht, soll er frühzeitig durch die Betreuer oder den Sozialdienst aufgefangen werden», hebt der Direktor des Saxerriets hervor. Die Angestellten versuchen dieser schwierigen Zeit vermehrt mit aufmerksamem Zuhören oder Zeit für Gespräche entgegenzuwirken. Martin Vinzens stellt fest, dass gerade Väter ihre Erschwernisse mitteilen möchten, wenn sie ihre Frauen und Kinder nur selten oder gar nicht mehr sehen können.
Weihnachten im Saxerriet
Bald schon steht Weihnachten vor der Tür. Eine Weihnachtsfeier durch die Seelsorger mit Chorbegleitung wäre laut Direktor Martin Vinzens auf dem Programm gestanden. Doch die gut 120 Insassen an Weihnachten sprengen die 10-er Regel des Bundes bei weitem. Daher ist diese Feier nicht möglich. «Es gibt aber eine Alternative im ganz kleinen Rahmen. Aber das gemeinsame Mittagessen mit den Angehörigen an Weihnachten», ergänzt er sichtlich betroffen, «wird dieses Jahr leider definitiv ausfallen.» Insasse P. nimmt diese Absage gefasst auf. Er mahnt weiterhin zur gegenseitigen Rücksichtnahme: „Jeder muss an sich arbeiten. So ist es jetzt einfach. Diese Zeit müssen wir gemeinsam durchstehen.“ Denn, nichts wird uns schneller aus dieser Krise bringen, als einander Sorge zu tragen.