{"id":36018,"date":"2021-10-12T17:38:52","date_gmt":"2021-10-12T15:38:52","guid":{"rendered":"https:\/\/toxic.fm\/site\/?post_type=aktueller_beitrag&#038;p=36018"},"modified":"2021-10-12T18:06:28","modified_gmt":"2021-10-12T16:06:28","slug":"magenbrot-und-cholera-schweizer-gerichte-und-ihre-geschichten","status":"publish","type":"cpt-posts","link":"https:\/\/toxic.fm\/site\/beitraege\/magenbrot-und-cholera-schweizer-gerichte-und-ihre-geschichten\/","title":{"rendered":"Magenbrot und Cholera \u2013 Schweizer Gerichte und ihre Geschichten"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>An der OLMA gibt es neben den Ausstellern und dem S\u00e4ulirennen auch kulinarische Highlights wie die OLMA-Bratwurst und gebrannte Mandeln. Aber auch Magenbrot steht hoch im Kurs der Messebesucher:innen. Doch warum heisst das Magenbrot Magenbrot? Wie kann es sein, dass Cholera in der Schweiz ein Hochgenuss ist? Wir haben Schweizer Speisen und ihre Namen angeschaut und Spannendes entdeckt. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Tippt man bei Google Cholera ein, ist eines der ersten Resultate \u00abCholera Rezept\u00bb. Dabei handelt es sich nicht um eine Anleitung f\u00fcr angehende Biowaffenexperten. Cholera ist eine deftig-s\u00fcsse Spezialit\u00e4t aus dem Wallis, obwohl es sich so beschrieben immer noch nicht unbedingt von Massenvernichtungsmitteln unterscheidet. Jedoch hat man dann eine Cholera vor sich, muss man zugeben: Noch nie sah ein Angriff auf den Hunger appetitlicher aus.<\/p>\n<p><strong>Cholera: Liegen Freud und Leid nahe beieinander?<\/strong><\/p>\n<p>Die Cholera ist ein gedeckter Gem\u00fcsekuchen gef\u00fcllt mit Lauch, Kartoffeln, K\u00e4se und \u00c4pfel, meistens mit M\u00fcrbeteig oder Bl\u00e4tterteig gebacken. Die Herkunft des Namens ist ungesichert. W\u00e4hrend der Cholera-Pandemie 1830 sollen sich die Walliser nicht mehr aus dem Haus gewagt und darum mit den in der Speisekammer vorhandenen Zutaten eine Mahlzeit kreiert haben. Dagegen spricht, dass im Walliserdeutsch Kohle \u00abChola\u00bb oder \u00abCholu\u00bb genannt wird und die Pfanne mit dem Gem\u00fcsekuchen zum Backen in die heisse Kohle gelegt wurde. Auch ist im L\u00f6tschental \u00abChol\u00e4ra\u00bb der Ort im Backhaus, in dem man die Kohle aufbewahrt hat.<\/p>\n<p><strong>Wie viel Magen steckt im Magenbrot?<\/strong><\/p>\n<p>Neben den gebrannten Mandeln und der OLMA-Bratwurst lockt an der Chilbi vor allem das \u00abPains \u00e0 l`estomac\u00bb. Schlecht \u00fcbersetzt der \u00abSchmerz des Magens\u00bb. Korrekt \u00fcbersetzt das Magenbrot. Doch das s\u00fcsse Lebkuchengeb\u00e4ck in der rosaroten T\u00fcte hat nicht unbedingt den Namen, den das Dessert verdient. Schliesslich will man beim Essen nicht an den Magen erinnert werden, sondern diesen f\u00fcllen. Daher heisst die Bratwurst auch Bratwurst und nicht Schweinsdarm mit Fleischf\u00fcllung. Seinen Namen verdankt das Magenbrot aber nicht der Tatsache, dass die Lebkuchenst\u00fccke der 500 Gramm T\u00fcte ratzfatz eine neue Heimat finden, sondern seinen Gew\u00fcrzen und dem vielen Zucker.<\/p>\n<p><strong>Gesund ungesund: Macht Magenbrot den Magen tot?<\/strong><\/p>\n<p>Um 1900 hat man n\u00e4mlich sowohl dem Zucker wie auch dem typischen Lebkuchengew\u00fcrz eine verdauungsf\u00f6rdernde Wirkung nachgesagt. Tats\u00e4chlich haben die einzelnen Gew\u00fcrze positive Wirkungen. Zum Beispiel hilft Sternanis bei Magenkr\u00e4mpfen. Doch sieht man das beim Zucker heute definitiv anders: Zu viel Zucker \u00fcbers\u00e4uert den Magen und sorgt daf\u00fcr, dass das Magenbrot bei \u00fcberm\u00e4ssigem Konsum schwer im Magen liegt.<\/p>\n<p><strong>Fotzelschnitten: Ritterlich gegen Food Waste<\/strong><\/p>\n<p>Besser als ihr Name ist auch die Fotzelschnitte, in Deutschland als \u00abArmer Ritter\u00bb bekannt. Dieses einfache Gericht ist das Resteessen per se: Altes Brot wird erst in eine Milch- und Eiermischung getunkt, in etwas Butter oder \u00d6l gebraten und anschliessend mit Zimt und Zucker veredelt. Schon schwelgt man in Erinnerungen \u00abvom Zmittag bi de Grosi\u00bb. Fotzelschnitten finden schon in Kochb\u00fcchern des 16.Jahrhunderts Erw\u00e4hnung, doch gab es sie in \u00e4hnlicher Form auch im r\u00f6mischen Reich. Woher die \u00abFotzelschnitte\u00bb ihren Namen hat, ist nicht gesichert. Fotzel oder F\u00f6tzel ist ein St\u00fcck abgerissenes Papier. Und da auch altes Brot meistens nicht mehr in seiner G\u00e4nze vorhanden ist, h\u00f6rt sich diese Erkl\u00e4rung durchaus plausibel an. F\u00f6tzel heisst aber ebenso Lump oder Hallodri. Und ob nur Hallodri ohne Weitsicht \u00fcberhaupt altes Brot hatten und wieder schmackhaft machen mussten\u2026? Sicher ist, dass die Fotzelschnitte unter dem Namen \u00abArmer Ritter\u00bb auf der ganzen Welt beliebt ist. Manche vermuten, dass sogar die \u00abPoor Knights Islands\u00bb vor Neuseeland der S\u00fcssspeise ihren Namen verdanken. Entweder weil sie ihr in ihrer Form \u00e4hneln oder aber zur Zeit der Entdeckung der Inseln 1769 die Speise bei den namensgebenden Europ\u00e4ern sehr beliebt war.<\/p>\n<p><strong>Was der Bauer sicher kennt: Schlorzifladen <\/strong><\/p>\n<p>Einen f\u00fcr Nicht-Schweizer eher ungew\u00f6hnlichen Namen tr\u00e4gt der Schlorzifladen. Eine Toggenbuger Spezialit\u00e4t mit Rahmguss und eben, Schlorzi. Doch hinter dem ausserordentlichen Namen steckt Dialekt. Das Schweizerdeutsche W\u00f6rterbuch Idiotikon definiert Schlorzi als \u00abF\u00fcllsel auf (Eier-)Kuchen\u00bb und Schl\u00f6rzi als breiartige Fl\u00fcssigkeit. Und \u00abAllerlei durcheinander kochen\u00bb heisst schl\u00f6rzen. Und tats\u00e4chlich handelt es sich beim Schlorzi um ein braunes Mus, gekocht aus \u00abd\u00f6rrti Bire\u00bb und Anis, Zimt und Nelkenpulver. Besser bekannt vielleicht als Birnweggenf\u00fcllung. Man merkt, Schweizerdeutsch hat es, wenigstens kulinarisch, in sich. Bei Namen wie Magenbrot und Cholera darf man dankbar sein, dass der sprichw\u00f6rtliche Bauer all diese Speisen schon gekannt hat. Ansonsten h\u00e4tten viele dieser Delikatessen sicher nicht bis heute \u00fcberdauert \u2013 und die eigentlichen Namen damit auch nicht.<\/p>\n<p>Gourmets und Sprachwissenschaftler k\u00f6nnen ihr Wissen <a href=\"https:\/\/toxic.fm\/site\/aktueller_beitrag\/riz-casimir-und-fleischkaese-das-quiz-uebers-schweizer-essen\/\">in unserem Quiz<\/a> testen.<\/p>\n<h5>Jan Rutishauser, 12.10.2021<\/h5>\n","protected":false},"menu_order":0,"template":"","class_list":["post-36018","cpt-posts","type-cpt-posts","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","cpt-posts-category-news"],"acf":[],"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/toxic.fm\/site\/wp-json\/wp\/v2\/cpt-posts\/36018","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/toxic.fm\/site\/wp-json\/wp\/v2\/cpt-posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/toxic.fm\/site\/wp-json\/wp\/v2\/types\/cpt-posts"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/toxic.fm\/site\/wp-json\/wp\/v2\/cpt-posts\/36018\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36037,"href":"https:\/\/toxic.fm\/site\/wp-json\/wp\/v2\/cpt-posts\/36018\/revisions\/36037"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/toxic.fm\/site\/wp-json\/wp\/v2\/media\/36033"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/toxic.fm\/site\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36018"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}