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Weihnachten + Pandemie = Familienstreit?

Die Situation ist angespannt, die Nerven liegen blank, es fehlt nur eine Kleinigkeit und man explodiert. Das kennen wir alle. Seit der Corona-Pandemie häufen sich Konflikte, auch innerhalb der Familie. Wir haben mit zwei Experten gesprochen und Tipps eingeholt, wie man eine kritische Situation deeskalieren kann.

Besonders für Menschen, die bereits in einer belastenden Situation sind, ist die zusätzliche Corona-Krise eine besondere psychische Belastung. Zu Geld- und Beziehungsproblemen kommen noch die Angst vor der Krankheit, Beschränkung der sozialen Kontakte oder Sorgen am Arbeitsplatz dazu. Das wirkt sich auch belastend auf das Familienleben aus. «Seit Ausbruch der Corona Pandemie vor 20 Monaten ist das ganze Familiensystem belastet», sagt Lulzana Musliu, Mediensprecherin Pro juventute. «Am Anfang wurde man auf die Kernfamilie zurückgeworfen. Das hat verstärkt zu Konflikten zuhause geführt.» Die Beratungen bei 147.ch zu den Themen «Konflikte mit den Eltern» haben um 60% und «häusliche Gewalt» um 70% zugenommen.

Ein Konflikt bahnt sich an

«Was wir vielfach sehen ist, dass nicht die Massnahmen an sich zu Konflikten in der Familie führen», sagt Lulzana Musliu. Vielmehr sei es die Belastung drumherum. Eltern sorgten sich um ihre Kinder, die sich zurückziehen. Kinder und Jugendliche stellten häufiger eine Gereiztheit bei den Eltern fest. «Es kann auch zu Konflikten kommen, wenn die Eltern beispielsweise keine fremden Leute zuhause haben möchten, Kinder aber ihre sozialen Kontakte pflegen möchten.»

Wie kommt es zu Gewalt

Gewalt kommt selten aus dem Nichts. Meist ist es eine aufgestaute Ansammlung verschiedener Faktoren und reflektiert die eigene Ohnmacht, Verzweiflung oder Angst. Auch nicht respektierte Grenzen können in Gewalt enden. Matthias Koller, Berater und Therapeut bei KONFLIKT.GEWALT. erzählt: «Das erleben wir in unseren Beratungen häufig. Klienten erzählen, dass sie von der Partnerin oder vom Partner bedrängt und an die Wand gespielt werden.» Auch zu viel Druck sei ein Faktor für Gewalt. Denn wo zu viel Druck ist, müsse irgendwo ein Ventil her.

Social Distancing hilft auch gegen häusliche Gewalt

Wenn man sich in einem Konflikt befindet, der sich immer mehr zuspitzt, sei die beste Erste Hilfe Abstand. Sich aus der Situation rausnehmen, das Zimmer wechseln oder den Kopf bei einem Spaziergang lüften könne schon viel bringen. In hitzigen Diskussionen schaukle man die Emotionen nur höher. Der Abstand helfe wieder runterzufahren, durchzuatmen und die Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Matthias Koller empfiehlt: „Man kann dem Gegenüber auch vorschlagen, einen Spaziergang zu machen oder mit einem guten Freund zu telefonieren.»

Respektvoll streiten

Das heisst aber nicht, dass man nicht mehr streiten darf. Respektvoll zusammen diskutieren kann sehr konstruktiv sein. Wichtig ist aber, dass man den Respekt vor dem Gegenüber nicht verliert und die Grenzen des Anderen akzeptiert. Damit sich Situationen weniger häufig zuspitzen, soll man frühzeitig über seine Ängste und Probleme sprechen, so Matthias Koller. «Man muss nicht alles selber lösen.»

Wenn ein Gespräch mit einem Freund oder Vertrauten zu wenig hilft, sollte man nicht zögern, sich professionelle Hilfe zu holen. Auf sich selbst zu schauen sei besonders in schwierigen Zeiten wichtig. «Wer auf sich selbst schauen kann, kann auch gut auf sein Umfeld schauen. Selbstsorge und Fremdsorge hängen fest zusammen.»

Weihnachten als Herausforderung

Weihnachten ohne Familienstreit unter dem Tannenbaum? Für viele ein Traum in weiter Ferne. Die Festtage sind intensiv. Viele Erwartungen und Bedürfnisse stehen im Raum und wir verbringen viel Zeit mit unseren Liebsten. Dies kann auch Stress bedeuten. Um Konflikten vorzubeugen, kann ein Gespräch im Voraus helfen, um die Bedürfnisse und Werte von allen herauszufinden. «Hier ist es auch sehr wichtig, Kinder und Jugendliche miteinzubeziehen», rät Lulzana Musliu. Man solle sich gegenseitig fragen, was einem wichtig sei. Man müsse auch nicht immer alles gemeinsam machen. Manchmal brauche man auch Zeit für sich. Ein solches Gespräch führe man am besten möglichst offen und zu einem ruhigen Zeitpunkt.

Mit Traditionen brechen

Ähnlich sieht es auch Matthias Koller. «Weihnachten muss nicht immer gleich ablaufen. Wir sind eh alle schon seit eineinhalb Jahren im Überforderungsmodus mit Corona.» Umso mehr solle man schauen, zu was man überhabt Lust habe und wo man Erholungsphasen brauche. «Gewisse Kontakte pflegen ist schön, man soll sich aber nicht selbst überfordern. Das Ziel ist es, eine gute Zeit zu haben.» Man solle auch sagen, wenn einem etwas zu viel ist. Und auf der Gegenseite sei es auch wichtig, dies bei anderen zu respektieren. «Es braucht viel Respekt und Toleranz im Moment.»

Sara Zollinger, 01.12.2021

 

Falls du selbst Hilfe oder jemanden zum Reden brauchst, diese zwei Stellen sind auch über Weihnachten und Neujahr für dich da:

Für Eltern und Bezugspersonen

Tel 058 261 61 61

E-Mail: elternberatung@projuventute.ch

Für Kinder und Jugendliche

Tel 147

SMS 147

E-Mail: beratung@147.ch

Beide sind 24/7 an 365 Tagen im Jahr erreichbar.

 

Hilfe und Informationen findet ihr auch bei:

KONFLIKT. GEWALT.

www.konflikt-gewalt.ch

078 778 77 80

kontakt@konflikt-gewalt.ch