Frau Holle und die Bitcoin-Marie, Quelle: shiwork, envatoelements

Frau Holle und die Bitcoin-Marie

Der graue November ist wie gemacht für Märchen. Wir haben uns auf die Suche nach den beliebtesten Märchen gemacht und sie für euch modernisiert. Entstanden ist eine Reihe von Märchen der heutigen Zeit. Als zweiten Teil präsentieren wir euch Frau Holle und die Bitcoin-Marie.

Es war einmal eine kleine Familie. Die alleinerziehende Mutter Karen mit ihren zwei Töchtern Marie und Stella. Marie, ihre Stieftochter, war wunderschön und sehr fleissig. Stella, ihre leibliche Tochter, war von der Natur nicht mit Schönheit beschenkt worden. Ausserdem war sie sehr faul und schaute lieber TikTok als zu arbeiten. Doch die Mutter liebte Stella viel mehr. Und so hatte Marie viel mehr Ämtli im Haushalt als Stella. Jeden Tag musste Marie für den Online-Handel von Karen Makramee Ornamente und Pflanzenkörbe knüpfen.

Maries Makramee Arbeit, Quelle: ShintarTatsiana, envatoelements

Weil Karen und Stella das Haus gerne für sich hatten, knüpfte Marie im Stadtzentrum. Eines Tages kamen so viele Bestellungen rein, dass sie arbeitete bis ihr die Finger bluteten. Schnell wollte sie zum Brunnen rennen um das Blut weg zu waschen. Doch sie stolperte und die Garnrolle fiel durch das Gitter eines Schachtdeckels.

Marie war verzweifelt. Sie schnappte sich einen E-Scooter und fuhr nach Hause. Dort berichtete sie ihrer Stiefmutter Karen was passiert ist. «WAS?!?» schrie diese. «Du wirfst mein kostbares Makramee Garn in den Schacht?!? Was fällt dir eigentlich ein, du verwöhnte Göre!?! Geh sofort zurück!!! Und ohne das Garn musst du gar nicht mehr nach Hause kommen!!!»

Der verhängnisvolle Schachtdeckel, Quelle: twenty20photos, envatoelements

Marie düste zurück zum Schachtdeckel und schaute hinab. Das Makramee Garn war nirgendwo zu sehen. Wie um alles in der Welt sollte sie das Garn wieder herausbringen? Aber ohne Garn durfte sie nicht mehr nach Hause! Aus lauter Verzweiflung hob Marie den Schachtdeckel und stieg in den Schacht. Dort wurde sie bewusstlos.

Als sie wieder aufwachte, lag sie auf einer wunderschönen Blumenwiese. Sie blinzelte in die Sonne und knipste ein paar Fotos mit ihrem Handy. Dann stand sie auf und lief einen gelb gepflasterten Weg entlang.

Sie kam zu einem Regal, das voll mit Tablets war. Alle waren an ein Ladekabel angeschlossen. Die Tablets riefen: «Ach, steck uns aus, steck uns aus, sonst überladen wir und unser Akku geht kaputt. Wir sind längst schon vollgeladen.» Gewissenhaft machte sich Marie an die Arbeit und trennte alle Tablets von ihren Ladekabeln.

Sie ging weiter und kam an einen Tumbler, der voll mit Wäsche war. Alles war trocken. Die Wäsche rief: „Ach, hol uns raus, hol uns raus, sonst zerknittern wir. Und lege uns nach Marie Kondos Methode zusammen. Sonst können wir nicht platzsparend gelagert werden.“ Sorgfältig machte sich Marie an die Arbeit und legte alle Wäschestücke zusammen. Zuerst in ein Rechteck, dann dritteln, so dass alle Wäschepäckchen eigenständig auf der schmalen Seite stehen können. Genau so, wie sie es auf Netflix gesehen hatte.

So faltet Marie Kondo die Wäsche, Quelle: Anikona, envatoelements

Marie ging weiter und kam an ein Haus. Daraus schaute eine alte Frau heraus. Doch die Alte sah aus wie aus einem Horrorfilm von John Carpenter. Sie hatte grosse gelbe Zähne mit riesigen Abständen dazwischen. Ein Bleaching und eine Zahnspange hätten hier bestimmt geholfen. Marie wich zurück. Doch die alte Frau sprach freundlich: «Mädchen, fürchte dich nicht. Wenn du mir ein bisschen im Haushalt und mit dem Computer hilfst, dann soll es dir gut gehen. Das Wichtigste ist einfach, dass du meine Dekokissen gut ausschüttelst. So fest, bis die veganen Federn fliegen. Dann schneit es auf der Erde. Ich bin Frau Holle.»

Frau Holles Lieblingskissen, Quelle: RossHelen, envatoelements

Marie willigte ein. Sie half Frau Holle im Haushalt, erklärte ihr, wie sie ihre Einkäufe online erledigen kann und schüttelte täglich die schönen Dekokissen aus. Und obwohl es ihr hier sehr gut ging, wurde Marie traurig. Sie merkte, dass sie Heimweh hatte und sprach mit Frau Holle. Diese zeigte Verständnis und brachte Marie an ein grosses Metalltor. Dann gab sie Marie das Makramee Garn zurück, welches sie im Schacht verloren hatte. Als Marie durch das Metalltor ging, klingelte ihr Handy wie wild. Sie sah, dass sie plötzlich mehrere tausend Bitcoins auf ihrem Handy hatte. «Als Dank für deine guten Dienste», rief Frau Holle ihr zu und schloss das Tor.

Marie rannte so schnell sie konnte nach Hause. Als sie eintrat wurde sie von Siri begrüsst:

«Kikeriki! Unsere Bitcoin-Marie ist wieder hie!»

Alle freuten sich, dass Marie wieder da war. Und als sie von ihren Erlebnissen erzählt hatte, sprang Stella auf und wollte auch mit Bitcoins beschenkt werden. Sie rannte los und stieg in den Schacht.

Auch sie erwachte auf der Wiese. Doch als allererstes musste sie niesen. „Scheiss Blumen! Meine Antihistaminika habe ich natürlich nicht dabei!“ schnaubte sie. Schwerfällig trottete sie den gelben Weg entlang und kam zum Regal, das voll mit den Tablets war. Die Tablets riefen wieder: «Ach, steck uns aus, steck uns aus, sonst überladen wir und unser Akku geht kaputt. Wir sind längst schon vollgeladen.“ Stella rümpfte nur die Nase und sagte: «Nö, kein Bock! Da breche ich mir nur meine Gelnägel ab!»

Stella und ihre Gelnägel, Quelle: StudioLucky, envatoelements

Sie ging weiter und kam zum Tumbler, der voll mit Wäsche war. Alles war trocken. Die Wäsche rief: «Ach, hol uns raus, hol uns raus, sonst zerknittern wir. Und lege uns nach Marie Kondos Methode zusammen. Sonst können wir nicht platzsparend gelagert werden.» Stella schaute doof in die Wäsche und sagte «Hallo? Kim Kardashian macht bestimmt auch keine Wäsche!»

Sie trottete weiter und kam zu Frau Holles Haus. Wild klopfte sie an die Tür und bot ihre Dienste an. Frau Holle stellte sie ein und Stella arbeitete am ersten Tag sehr fleissig – immer die Bitcoins vor Augen. Sie schüttelte die Kissen so heftig, dass es auf der Erde Schneestürme gab und Frau Holle sie stoppen musste. Doch bereits am zweiten Tag war Stella wieder faul und legte eine «Null-Bock-Stimmung» an den Tag. Am dritten Tag wollte Stella morgens gar nicht aufstehen. Da niemand die Kissen schüttelte, fehlte der Schnee auf der Erde. Überall wurde es trockener und heisser.

So trocken war die Erde wegen Stella, Quelle: pexels

Politiker veranstalteten weltweit Krisentreffen und alle Nachrichten berichteten nur noch über den extremen Klimawandel. Da reichte es Frau Holle und sie kündigte Stella. Diese freute sich und dachte, dass sie jetzt ihre Bitcoins bekommen würde. Gemeinsam gingen sie zum Metalltor und Stella ging hindurch. Auch ihr Handy fing an wie wild zu klingeln. Sie holte es aus ihrer Tasche, um ihre Bitcoins zu zählen. Doch zu ihrem Schock sah sie, dass sie auf ihrem Handy statt Bitcoins ein fettes Virus hatte! Sie blickte zu Frau Holle zurück. Diese sagte: «Als Dank für deine Dienste», und schloss das Tor.

Verzweifelt rannte Stella nach Hause. Als sie eintrat wurde sie von Siri begrüsst:

«Kikeriki! Unsere Virus-Stella ist wieder hie!»

Stella berichtete ihrer Mutter Karen alles was, passiert war. Diese schrie empört aus: «Was?!? Keine Bitcoins!?! Dafür ein Virus?!? Das akzeptiere ich nicht!!! Ich will mit dem Manager sprechen!!!»

Doch ein Manager war weit und breit nicht zu sehen. Stattdessen verbreite sich das Virus sich auch auf dem Computer der Mutter. Dies hatte zur Folge, dass ihr ganzer Webshop zusammenbrach. Maries Handy blieb vom Virus verschont. Und wenn sie nicht gestorben ist, sieht sie der Bitcoinkurve noch heute beim Wachsen zu.

Sara Zollinger, 25.11.2021